Persönliche Beiträge
...von einzelnen Mitgliedern der WachstumsWende Wendland
Genau hinsehen
Leserbrief
Hoffnung Suffizienz Banzau, August 2024
Es ist ein Meilenstein in der Klimadiskussion, für mich eine Revolution. Der Sachverständigenrat für Umweltfragen der Bundesregierung hat vor wenigen Monaten, im März 2024, das Diskussionspapier Suffizienz als „Strategie des Genug“ herausgegeben und schreibt u.a. zu Suffizienz (Genügsamkeit, mit weniger auskommen): „Suffizienzansätze streben eine absolute Verminderung der schädlichen Umweltauswirkungen des Rohstoff- und Energieeinsatzes durch gezielte Reduktion bestimmter Güter und Dienstleistungen an“.
Dieser Sachverständigenrat ist nicht irgendein Gremium, sondern es ist das Gremium von Wissenschaftler/Innen, das unter anderem die jährlich zu erreichenden Klimaziele in den einzelnen Sektoren wie Wohnen, Industrie, Landwirtschaft oder Mobilität vorgegeben hat, damit das gesetzlich vorgegebene Pariser 1,5 Grad Klimaziel hätte erreicht werden können. Diese Vorgaben wurden jedoch in diesem Sommer von Bundesregierung aufgehoben (!).
In dem Diskussionspapier befinden sich Aussagen, die die zentrale Bedeutung von Suffizienz für Klima- und Ressourcenschutz deutlich machen. Unter anderem werden folgende Aussagen getroffen: „Suffizienz ist für eine Stabilisierung der Erde unerlässlich“ oder „Suffizienz ist Voraussetzung für menschenwürdiges Leben aller in planetarischen Grenzen“ oder „Ressourcenintensive Lebensstile gefährden die Freiheit anderer und es gibt keinen moralischen Anspruch, dies zu ignorieren“ oder „ Suffizienz kann Baustein eines gelingenden Lebens sein“ und zusammenfassend schreibt der Expertenrat: „Suffizienz ist zentral für das Selbstverständnis demokratisch-ökologischer Zivilisation“
Die Bedeutung von Suffizienz wurde in der gesamten Klimadiskussion nur wenig beachtet, obwohl immer dann die CO2- Emissionen deutlich zurückgingen (z.B. Finanzkrise 2009, Coronakrise) und auch die Klimaziele 2022 und 2023 maßgeblich deswegen erreicht wurden, wenn weniger konsumiert und produziert wurde (EJZ 5.1.24).
Auch in der politischen Diskussion im Landkreis wurde die Forderung nach mehr Suffizienz eher belächelt, abgetan, möglichst nicht diskutiert. Es ist gut und ermutigend, dass der Landkreis jetzt im Rahmen des Zukunftsentwicklungskonzeptes am 1. Oktober eine Veranstaltung zu Suffizienz plant mit dem Vordenker der Postwachstumsökonomie Prof. Niko Paech.
Wer die Bedeutung von Suffizienz nicht klar benennt, trägt mit dazu bei, dass wir das Pariser 1,5 Grad Klimaziel nicht erreichen werden und weiterhin – wie schicksalhaft - den Weg gehen, den wir seit etwa 4 Jahrzehnten (!) gehen und uns beruhigen - immer wieder - mit „grünem Wachstum“, „Energieeffizienz“, „Technologieoffenheit“, „Klimaneutralität im Jahre 2040“, „Ausbau erneuerbarer Energien“, dabei für den Bau von Wind- und Solarparks selbst vor Naturschutz nicht Halt machen, keine Skrupel haben sie auf Ackerland zu errichten oder wertvolle Erholungsräume zu belasten.
Und dennoch, und das ist so etwas von verrückt, verfehlen wir mit all diesen Maßnahmen das Pariser 1,5 Grad Klimaziel: Das Oberverwaltungsgerichts Berlin- Brandenburg sah es in einem Gerichtsurteil am 16. Mai 2024 als erwiesen an, dass die Maßnahmen der Bundesregierung weiterhin nicht ausreichen, dieses Klimaziel zu erreichen. Und der oben genannte Sachverständigenrates für Umweltfragen prognostizierte am 4. Juni 2024, „ dass die Bundesregierung ihre Klimaschutzziele für 2030 verfehlen dürfte“ (Kommentar EJZ )
Solange wir unseren Energiebedarf weiter erhöhen – wir haben ihn in den vergangenen 40 Jahren verdoppelt (!) - ihn nicht drastisch zurück fahren - und solange über all den Klimaschutzmaßnahmen nicht das Vorzeichen Suffizienz steht und entsprechend
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gehandelt wird, werden wir das Pariser 1,5 Grad Klimaziel nicht erreichen können und zerstören weiterhin die Grundlagen unseres Lebens.
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Die deutlichen Aussagen des Sachverständigenrates zu Suffizienz zeigen den Weg, der gegangen werden muss.
Doch, und das ist so entscheidend: Ist es überhaupt realistisch, dass wir in unserer Gesellschaft grundlegende Veränderungen im Sinne von Suffizienz umsetzen können?
Der Sachverständigenrat schreibt: „Suffizienzpolitik wird auf gesellschaftliche Widerstände treffen“. Und diese Widerstände werden heftig sein, nicht nur von Lobbyisten aus Wirtschaft und Politik, auch aus der Bevölkerung: Sind wir grundsätzlich überhaupt bereit, Vorgaben aus der Politik, die unser Konsumverhalten einschränken wollen, zu akzeptieren? Wir erleben gerade, wie Unzufriedenheit in der Bevölkerung zu aberwitzigen politischen Verwerfungen führen kann. Eine Veränderung in unserer Gesellschaft hin zu einer „Kultur des Genug“ , zu einer „Kultur des Weniger“ wird nur dann gelingen, wenn Menschen das Gefühl haben, nicht benachteiligt zu werden, alle sozialen Schichten ihrem Einkommen entsprechend für das Gemeinwohl konsequent zur Verantwortung gezogen werden.“ Suffizienzpolitik muss gerecht gestaltet werden“, so der Sachverständigenrat.
Und der Weg zu einer „Kultur des Genug“ wird auch deswegen so schwer werden, weil große Widerstände in der Psyche des Menschen liegen.
In der Evolution des Lebens zum Homo Sapiens hat sich zentral der Selbsterhaltungstrieb entwickelt, Dinge haben zu wollen, die zum Überleben notwendig gewesen sind. Seit Urzeiten liegt diese Kraft im Wesen des Menschen. Dieser Selbsterhaltungstrieb, so scheint es, hat sich mit den Verlockungen einer übervollen Konsumwelt verselbstständigt, ist nicht mehr zu kontrollieren, hat sich gelöst von Vernunft und der Verantwortung, die eigenen Lebensgrundlagen zu erhalten. Der Psychoanalytiker Erich Fromm spricht schon 1979 in seinem Buch „Haben oder Sein“ von der Droge Konsum, die Negativgefühle verdrängt, Menschen kurzzeitig Befriedigung gibt. Fromm spricht von „pathologisch übersteigerten Konsum“ eines „Homo consumens“.
Und sind Menschen, die viel Geld zum Konsumieren zur Verfügung haben, von sich aus überhaupt bereit, inmitten einer irren, verlockenden Konsumwelt mit einer geschickten, die Menschen manipulierenden, sich aufdrängenden Werbung ihren Lebensstil, ihre Lebensgewohnheiten zu verändern, hin zu weniger Konsum? Weg vom SUV hin zum E - bike? Weg von Flugreisen oder Kreuzfahrten? Wären sie selbst dann noch dazu bereit, wenn der Mainstream, wenn Nachbarn, Arbeitskollegen oder Freunde mit vergleichbaren Lebensstandard weiterhin ihr Leben ohne Rücksicht auf Verbrauch von Energie und Ressourcen leben?
Welche Macht hat das Streben nach Anerkennung und gesehen zu werden über Statussymbole wie Hauseinrichtung, Auto, Flugreisen oder Kreuzfahrten? „ Ich bin was ich habe und was ich konsumiere“( Erich Fromm).
Und was macht mit uns das Gefühl der Ohnmacht, doch nichts ausrichten zu können in einem globalen Wirtschaftsgeschehen mit Milliarden von Menschen, die nicht in der Lage sind auf die existentiellen Bedrohungen, die zukünftig sie erreichen werden, entsprechend zu reagieren? Der Club of Rome hat schon 1972 - vor über 50 Jahren (!) - mit dem Bericht „Grenzen des Wachstums“ davor gewarnt, dass wir die Erde übernutzen, wenn wir mit unserer Lebensweise so weiter machen. In diesen 50 Jahren haben wir jedoch genau das Gegenteil getan, haben das Wachstum ständig gesteigert - mit entsprechenden Folgen. Stünde die Klimakatastrophe als Höhlenbär im Eingang der Höhle, sähe Klimaschutz anders aus.
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Auch ist es sehr verständlich, wenn Menschen mit geringem Einkommen, Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen, im Blick auf ihre wohlhabend konsumierenden Nachbarn wenig geneigt sind ihren Konsum zurück zu fahren - und Menschen, die psychisch belastet sind, haben wahrlich andere Sorgen als über ihren Lebensstil das Klima zu schützen.
Um Menschen auf grundlegende Veränderungen unserer vom Wirtschaftswachstum bestimmten Lebensweise vorzubereiten, ist es unerlässlich, dass die
Politik die Bevölkerung darüber informiert, wie dramatisch die Situation ist, in der wir leben. Sie muss den Bürgerinnen und Bürgern notwendige, sie einschränkende Maßnahmen erklären. Politik muss den Mut dazu haben, den Menschen klar zu sagen, dass wir nur dann eine lebenswerte Zukunft haben werden, wenn wir drastisch unser Konsumverhalten ändern.
Es gibt wahrlich genug deutliche Warnzeichen dafür, dass wir so nicht weiter machen können: „Die Nordsee war 2023 so warm wie nie zuvor“(EJZ 5. Juni 2024-07-23), In Niedersachsen und Bremen waren die Monate März bis Mai die wärmsten seit Messbeginn (EJZ 1.Juni 2024), „Das Jahr 2023 war laut dem EU-Klimabericht eines der heißesten aller Zeiten“(EJZ 23. April 2024) und der 21.Juli 2024 war weltweit „der heißeste Tag seit Jahrzehnten“. Und das Potsdam- Institut für Klimafolgenforschung weist ganz aktuell darauf hin, dass die wenigen Jahre bis 2030 entscheidend dafür sein werden, ob es zu einer Klimakatastrophe kommt, welche nicht mehr zu beeinflussen ist (Kipppunkte), „mit verheerenden Folgen für die Menschen auf der ganzen Welt“ - oder ob sich die Folgen des Klimawandels noch eindämmen lassen (EJZ 2.August 2024) . Auch das muss der Bevölkerung klar gesagt werden.
In dem Diskussionspapier geht es auch um die Definition von „gesellschaftlicher Wohlfahrt“, was dem Begriff Wohlstand entspricht. Der Sachverständigenrat schreibt in diesem Zusammenhang:“ Ein zukünftiges Verständnis von gesellschaftlicher Wohlfahrt darf diese nicht auf stetig wachsenden Konsum reduzieren. Nötig ist eine breite öffentliche Debatte darüber, was Wohlfahrt im Kern ausmacht.“
Eine Diskussion darüber, wie definiert unsere Gesellschaft „Wohlstand“ ist schon lange überfällig. Sie kann sinnvoll einhergehen mit einer Diskussion um eine grundlegende Veränderung unserer Gesellschaft hin zu einer „Kultur des Genug“, denn unsere Gesellschaft braucht Leitwerte, die der Droge Konsum, die mit hohem Energie- und Rohstoffverbrauch verbunden ist, etwas entgegensetzen.
Ist es materieller Wohlstand, den wir weiterhin mehren wollen, auch auf Kosten des Klimas, der Natur und Lebensbedingungen anderer Menschen, in unserer Gesellschaft und weltweit? Oder sind es eher soziale, ökologische, gesundheitliche Aspekte, die Wohlstand ausmachen, die uns Lebensqualität geben und zu einem guten Leben für alle führen? Welchen Wohlstand wollen wir?
Auch wenn die Widerstände unüberwindbar erscheinen, in unserer Gesellschaft grundlegend etwas zu verändern hin zu suffizienten Lebensweisen, das Diskussionspapier des Sachverständigenrats gibt Hoffnung. Es wäre ein Segen, wenn die Aussagen des Sachverständigenrats in der Bevölkerung, in Wirtschaft und Politik, auch bei uns im Landkreis, intensiv diskutiert würden und auch gehandelt wird – rechtzeitig!
(Veröffentlichung des Diskussionspapier zu Suffizienz ist zu finden unter https://umweltrat.de)
Hermann Klepper, Kreistagsabgeordneter Lüchow/Dannenberg
Hermann Klepper, 20Januar 202
