Persön­liche Beiträge

Persön­liche Beiträge

...von einzelnen Mitgliedern der WachstumsWende Wendland

Anders leben - alles Spinnerei oder?

Kaja Mörseburg-Baumhauer und Horst Baumhauer

Anlass für diesen Text war ein Zeitungsinterview mit unserer Regionalzeitung. Dabei stand die Frage im Raum: wo stehen wir Mitglieder der Wachstumswende Wendland eigentlich selbst beim Thema ‚Anders Leben‘ und wie kamen wir dort hin?

Einleitend. Auch wenn unser ‚anderes Leben‘ noch recht weit von Klimaneutralität entfernt ist, werden wir trotzdem schon als Spinner erlebt. Sollten wir unseren Text also auf die Website stellen? Schreckt er Leser-/ innen davon ab, eigene kleine Schritte der Veränderung zu gehen? Und wer liest schon einen derart langen Text? Nun, wir wurden ermuntert, ihn freizugeben.

Was heißt eigentlich ‚anders leben‘? Anders als was oder wer? Überall dort, wo wir schon lange ‚anders‘ leben, fällt es uns kaum auf, es ist schließlich Alltag und so normal wie Zähne putzen. Durch die ins Haus flatternde Werbung oder als Gäste ‚normaler‘ Haushalte werden wir durch beeindruckende Mengen von Plastikbehältnissen in Kühlschränken und auf Badezimmerregalen darauf gestoßen, wie anders unser eigenes Konsumieren ist oder anders herum, welche Kauf- und Essgewohnheiten als normal gelten. Was brauchen wir wirklich – und für was? Welch eine Freiheit liegt allein darin, sich nicht um hunderte Meter Supermarktregale nebst der entsprechenden Werbeflut zu kümmern. - Einmal angestoßen, kommen uns viele Gedanken zu unserem Lebensstil. Da sie in fast alle Lebensbereiche hinein reichen, versuchen wir sie nun thematisch ‚von außen nach innen‘ zu ordnen.

Gemeinschaft hat für uns viele Facetten und so waren und sind wir Teilnehmende oder Initiator/innen von Interessengruppen, Gesprächskreisen, Selbsthilfegruppen, Demos ...
Wir unterstützen politisch wirksame Organisationen und sorgen regional für Dorfgemeinschafts-aktionen, wie Storchennest aufbauen, Puschenkino, Elbeschwimmen, Radtouren, Paddeln, Nachbarschaftshilfe, gemeinsames Kochen und Essen … oder eben „Ehrenämter“, wie bei der Wachstumswende Wendland, Gründung des regionalen Reparatur-Cafés oder Aktivitäten im Mobilfunkkritischen Arbeitskreis Wendland MAW, der mit politischem Einsatz und Fortbildung verbunden ist.
Gemeinschaft bedeutet für uns immer auch, selbst einen Beitrag zu leisten und am Ball zu bleiben, nicht darauf zu warten, dass andere es für uns tun. - Was uns traurig macht, ist dass wir in westlichen Zivilisationen (uns eingeschlossen) keine Gemeinschaft(en) finden, die eine Bindung, Zugehörigkeit, Verbundenheit und ‚feste Heimat‘ innerhalb der Gruppe finden, wie sie noch bei einigen Indigenen, gelebt wird und in denen es nur vorstellbar ist, dass jede/r für jede/n da ist.

Konsum allgemein: so verpackungsfrei wie möglich. Danke an entsprechende Initiativen!
Wozu ver-/ brauchen Menschen seit wenigen Jahrzehnten bei jedem Kauf Einwegplastik statt eigener Deckelbehälter, Pack-/Taschen oder Rucksäcke? Wozu Unterwegsgetränke ‚to go‘ in Wegwerfbechern? Wir wissen doch um unsere Gewohnheiten und haben passendes dabei. Für spontane Käufe sind Beutel (und Eisbecher!) … im Auto. - Zum schonenden Umgang mit Alltagsdingen gehört auch das Reparieren.
Eingebaute Schwachstellen führen nicht zum Wegwerfen von Geräten: sie sind, wann immer möglich, hinterher stabiler als die Originale. Gewollte und vorhersehbare Schäden lassen sich oft schon bei der Anschaffung vermeiden. Eigene Erfahrungen, Internetbewertungen und Testberichte machen das möglich. Neben dem substanziellen Nutzen verringert all das auch den ökologischen „Fußabdruck“ ein wenig. Und es lebt sich gelassener mit einem guten Gefühl der Selbstachtung.

Mobilität – Als Rentner/in haben wir Zeit für nicht motorisiertes Rad fahren (Horst ganzjährig). Für größere Einkäufe und Radtouren sind alle Fahrräder mit zwei gleich großen Gepäckträgern ausgestattet. Die üblichen „Low-Rider“-Täschchen vorn eignen sich weder für Wocheneinkäufe, noch für Urlaubsreisen, die wir gern mit dem Tandem unternehmen. Für größere Entfernungen wird Rad- mit Bahnfahren kombiniert. ÖPNV, besonders die Busverbindungen in unserem Landkreis sind entweder eine Zumutung oder gar nicht erst vorhanden. - Unser Kleinwagen reicht bei mäßigem Gepäck für fünf Personen. Lange Strecken fahren wir nicht mit dem Auto. Einen Neuwagen ‚brauchten‘ wir noch nie: d.h. kein Aufwand durch übermäßigen Wertverlust, Kinderkrankheiten, Rückrufe und teure Pflichtinspektionen ... Fliegen haben wir gestrichen und Kreuzfahren standen noch nie auf der Agenda.

Energie und Wohnen. Haus: Dämmung wesentlich besser als Niedrigenergie-Standard. Fotovoltaikdach, Warmwasserspeicher und Kühlgeräte sind zusätzlich isoliert.
Waschen. Duschen nicht täglich, Spar-Duschkopf, Einseifen ohne Wasserfluss – auch beim Hände usw. waschen fließt kein Dauerstrahl ungenutzt in den Ablauf – auch wenn das Wasser ‚nichts‘ kostet.
Waschmaschine. Wenn möglich mit Sonnenstrom. Das unparfümierte Waschpulver ist der Wasserhärte angepasst.
Geschirrspüler sind wir selber.
Kühlschrank: für den Sommer. Im Winter ersetzt ihn die nach Norden ausgerichtete, gut isolierte Speisekammer (bei der Grundrissplanung berücksichtigt).
Gefrierschrank: steht im Keller und muss dort nur um 8 bis 14°C weniger herabkühlen.
Heizen. Die Fußbodenheizung kommt bei gleicher Behaglichkeit mit geringerer Raumtemperatur aus. In Übergangszeiten wird sie durch einen Holzofen ersetztund im Winter regeln Thermostate jene Räume automatisch auf null, die vom Ofen versorgt werden.
Öko-Strom. Mitglied seit der Gründungsphase: zwei Jahre bevor der erste Strom geliefert werden durfte.
Beleuchtung. Keine Energiesparlampen (giftiges Quecksilber!). Ehe die überhaupt hell werden, ist ein Flurdurchgang oder ein kurzer Klobesuch beendet. LED sind beste Wahl. Auch Standard-LED-Leuchtmittel erzeugen (nachgemessen!) fast keinen Elektrosmog. Unsere Selbstbauleuchten (weil am Gleichstromnetz) null. Gartenlicht: nur die schmalen Wegstreifen werden per LED beleuchtet, kein Streulicht wie bei Glühlampen: 15 statt 400 Watt! Kochen. Mit wenig Wasser: kein oder kaum Abgießen (wertvolle Stoffe sind für die Ernährung, nicht für den Ausguss). Brodelnd kochen? Wozu: Wasser wird nicht heißer als 100°C – außer in Dampfdrucktöpfen, die dadurch Energie und Kochzeit sparen.
Wasserkocher. Aus Edelstahl. Erhitzt wird nur die benötigte Wassermenge.

Möbel sind im Wesentlichen Selbst-, Um- und Ein-Bauten oder als Eigenkonstruktion von unserer Tischlerei in bester Qualität gefertigt – und das zum halben Preis und zur Freude aller Beteiligten. Falls Interesse fürs Selbstbauen angemeldet wird, werden wir eine Fotoserie dazu auf die Website stellen.

Kleidung. Abwägen von Selbst-/Darstellung und anderen Aufgaben. Je nach Beruf und Alter fällt die Entscheidung schwerer bis leicht. Wir mögen Kleidung, die möglichst haltbar, bequem und zweckmäßig ist. Statt Spezialkonfektion wird kombiniert. Zum Joggen, Werkeln und Gartenarbeit dienen ausrangierte Klamotten. Auch Kleidung wird repariert oder umgearbeitet, z.B. in der Nähbar. Verbunden mit unserem „fehlenden“ Interesse an ständig wechselnden Modevorgaben, empfinden wir auch hierin eine große Freiheit.

Haushalts-Chemie. Shampoos und Flüssigseifen bestehen aus 95% Wasser, gern noch in Wegwerfflaschen mit Pumpe. Wir benutzen traditionelle Haar- und andere Seifen. Die reichen „ewig“ und Wasser kommt plastikfrei aus der Leitung. Die meisten Produkte sind giftig und gelangen über Abwasser und Fische in uns Menschen. - Mit dem selber Herstellen hapert es allerdings noch. Ein Buch dazu heißt: Fünf Hausmittel ersetzen eine Drogerie, smarticular Verlag. Die fünf Mittel sind Natron, Soda, Essig, Zitronensäure, Kernseife.
- Weichspüler, chemische Rohrreiniger, Desinfektions- und Pflanzenschutzmittel, also Tiergifte, verwenden wir nicht. Die oben genannten Hausmittel und etwas mechanisches Rubbeln bewirken – nein, nicht Wunder, wohl aber Sauberkeit.

Kosmetik. Zunächst der männliche Part: zehntausende Produkte sind auf dem Markt. Die Meisten enthalten Gifte. Formaldehyd wurde verboten, Nanopartikel, Mikroplastik, Aluminium … sind erlaubt. Ist das klug? Ich kann nicht erkennen, dass Gifte für Haut und Haare gut sind, nur weil die Werbung sie als Körper-„Pflege“ oder „Ernährung für die Haut“ anpreist. Ernährt wird unser ‚Außen‘ doch von innen. Für mich ist die Vorstellung, dass man gesunde Kosmetikartikel auch essen kann, heilsam. Hunderttausende Jahre ‚brauchte‘ kein Mensch Chemiemixturen in Plastik. Auch ich brauche sie nicht. Medizinisch wirksame Produkte unterscheide ich von kosmetischen, auch wenn keine Krankenkasse sie bezuschusst. - Und zum weiblichen Part: leider gibt es meine zertifizierte Bio-Gesichtscreme, meine Sonnencreme und Zahnpasta nur in der Tube. Mehr benutze ich nicht.

„Gesundheit“/-swesen. Auch hier zunächst der männliche Part. Verantwortlich bin ich; also experimentiere ich und sammle eigene Erfahrungen statt unbekannten Quellen, gar Werbeslogans zu folgen. Zum Beispiel creme ich nur einen Teil der Haut ein und erkenne die Nicht-/Wirksamkeit eines Produkts oder ich behandle gleiche bis ähnliche Symptome mal ohne, mal mit unterschiedlichen Medikamenten oder ‚spiele‘ mit der Dosierung, um den Einfluss auf den Verlauf abzuschätzen. Am Beispiel verstopfte Nase: 5% Nasentropfen plus 95% Wasser wirken zwar erst 15 Minuten verzögert, trocknen aber die Schleimhäute nicht aus. Für mich liegt viel Wahrheit in dem Spruch, dass unbehandelte Erkältungen vierzehn Tage dauern, während Medikamente sie auf zwei Wochen verkürzen – womit nicht gemeint ist, dass man keine Symptome behandeln sollte. - Arztdiagnosen will ich verstehen, sonst frage ich nach.

Strahlung. Bei der radioaktiven oder Röntgenstrahlung hat sich deren Schädlichkeit herumgesprochen. Was uns gerade im Wendland erstaunt, ist hier der naive Glaube an schützende Grenzwerte und ein sorgloser Umgang mit Mobilfunk. Bei uns ist funkfreie Zone. Computer und Telefone laufen über Kabel.

Ernährung. Biologisch. So vermeiden wir Gülle und Gifte auf Äckern und Tellern. Als Mitglied einer SoLaWi (solidarische Landwirtschaft) und mit eigenem Garten essen wir saisonal und regional. Gemüse kaufen wir (fast) nicht zu, anderes in „Bio“-Qualität. Essen wird selbst zubereitet incl. Backwaren. Fleisch: fast nie. Plastik verpackte Fertiggerichte mit Chemieliste lösen unangenehme Gefühle aus. - Frühstück: Mehrkornbrei mit Obst, Saaten, Nüssen, Öl ... - Weißmehlbrötchen und Zuckeraufstriche werden gelegentlich als Zweitfrühstück – und nach Wunsch von Gästen serviert.
- Essensreste werden verwertet, Lebensmittelverderb ist sehr selten (Unachtsamkeit). Auf Reisen, besonders per Fahrrad mit begrenztem Gepäck, ist der Aufwand an gesundes Essen zu kommen oft hoch, speziell an Sonn- und Feiertagen. - Trinken: neben Tees und Kaffee Fruchtschorlen mit Wasser aus der Leitung, selten Alkoholisches. Zuckerwasser mit Chemieliste haben wir auch für Gäste nicht im Haus.

Zum Schluss. Obwohl unvollständig, so staunen wir über die Länge unserer ‚Liste‘. Zwei recht grobe Tests ergaben für uns einen ‚ökologischen‘ CO2-Fußabdruck von 6,9 bzw. 5,8 Tonnen/a gegenüber 11,2 t/a für Deutschland.

21.06.2021

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